Viel zu viel Zucker: Wie Influencer Kinder beeinflussen

Kinder sehen in Influencern oft den guten Freund. Doch diese Werbefiguren drehen ihnen im Auftrag der Lebensmittelindustrie Junkfood an, das hat eine Recherche von Foodwatch ergeben. Die Verbraucherorganisation fordert die Politik zum Gegensteuern auf und erntet damit Zuspruch von allen Seiten. Unter anderem schlagen Kinder- und Zahnärzte wegen des viel zu hohen Zuckerkonsums Alarm.

Süßes und Fettes wird gezielt vermarktet

Dass Kinder sich oft ungesund ernähren, ist bekannt: Im Schnitt essen sie mehr als doppelt so viele Süßigkeiten und Snacks wie empfohlen, aber nicht einmal halb so viel Obst und Gemüse. Oft wird die Verantwortung für dieses Problem den Eltern zugeschoben. Doch Kinder und Jugendliche werden ganz gezielt von Werbung für ungesundes Essen ins Visier genommen. Zunehmend durch Influencer, die auf TikTok, Instagram oder YouTube den direkten Draht zu ihnen haben. Die Verbraucherorganisation Foodwatch hat in einer monatelangen Recherche analysiert, wie Lebensmittelkonzerne die "Junkfluencer" einsetzen. Coca Cola, Hitschler, Milka und Co. ködern damit gezielt sehr junge Zielgruppen. Als Beispiele nennen sie die Influencerinnen Viktoria und Sarina, die in einer rosa Glitzer-Scheinwelt leben. Sie vermarkten eine eigene Tiefkühltorte von Coppenrath & Wiese und Keksteig zum Löffeln. Oder den YouTuber Simon Desue mit 4,3 Millionen Abonnenten, der sich in Gummibärchentüten wälzt und Fastfood von McDonalds anpreist.

Einfluss der Eltern ausgehebelt

Besonders problematisch findet Foodwatch, dass das Marketing den Einfluss der Eltern bewusst aushebelt: "Mit Hilfe von Influencern sendet die Lebensmittelindustrie ihre Werbebotschaften an den Eltern vorbei direkt ins Kinderzimmer und auf die Handys junger Menschen", so Luise Mollin von Foodwatch. Mit dieser "perfiden Marketingstrategie" würde die Industrie Fehlernährung und Fettleibigkeit bei Kindern und Jugendlichen begünstigen. Von den negativen Auswirkungen dieser Art von Werbung ist auch der Kinderarzt Berthold Koletzko von der Stiftung Kindergesundheit überzeugt: "Zahlreiche Studien zeigen, dass die an Kinder gerichtete Werbung der Lebensmittelindustrie den Verzehr ungesunder Produkte erhöht und mit der Zunahme von Adipositas und ihrer gefährlichen Folgen verbunden ist."

Kinder sind besonders gefährdet

Kinder und Jugendliche sind dabei in vielerlei Hinsicht besonders vulnerabel. Sie sehen die Influencer nicht als Werbefiguren, sondern als vertrauenswürdige Personen, deren Rat dem eines guten Freunds gleichkommt. Zum anderen werden in jungen Jahren die Weichen für eine gesunde Ernährung gestellt: Essgewohnheiten aus der Kindheit haben einen wichtigen Einfluss auf das Lebenszeitrisiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2 und Krebserkrankungen. Und schon heute sind laut Stiftung Kindergesundheit 15,4 % der Drei- bis 17-Jährigen übergewichtig. 

 

Brauchen wir eine Zuckersteuer?

Momentan setzt die deutsche Politik auf eine freiwillige Selbstbeschränkung der Industrie, obwohl zahlreiche Studien gezeigt haben, dass diese Strategie nicht aufgeht. Acht bis 22 Mal am Tag werden Kinder mit Online-Werbung von Lebensmittelherstellern konfrontiert, fand eine Studie der Universität Hamburg heraus. 900 Millionen Euro gibt die Lebensmittelindustrie jährlich für Süßigkeitenwerbung aus. Deshalb fordert unter anderem das Robert Koch-Institut, die Werbung für ungesunde Kinderlebensmittel stärker zu reglementieren.

Auch eine Zuckersteuer könnte helfen, Verbraucher vor den negativen Folgen des Zuckerkonsums zu schützen. Über 40 Länder haben sie bereits eingeführt – mit Erfolg, wie zum Beispiel die Zahlen aus Großbritannien zeigen. Hier ist der Zuckergehalt in Getränken seit Einführung der Steuer um 35 % gesunken. Viele Mediziner und Ernährungswissenschaftler fordern die Zuckersteuer auch für Deutschland, das in ihren Augen im globalen Vergleich hinterherhängt.

Auch Zahnärzte sind besorgt

Hinzu kommt, dass Zucker als Hauptrisikofaktor für Karies für die Zähne Gift ist. Die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) schließt sich der Kritik von Foodwatch an. Sie "sieht mit Sorge die Entwicklung zu immer mehr und stärker gesüßten Nahrungsmitteln." In ihrem Positionspapier weist sie darauf hin, dass gerade Kinder vom zuckerbedingten Kariesrisiko bedroht sind. Besonders bei der frühkindlichen Karies würden die Fallzahlen teilweise steigen. Die BZÄK fordert deshalb, Lebensmittel im Hinblick auf den Zuckergehalt gut verständlich zu kennzeichnen. Stark zuckerhaltige Softdrinks möchte die BZÄK gerne mit einer Sonderabgabe belegen. Und für die oft stark gesüßten "Kinderlebensmittel" fordert sie eine deutliche Reduktion des Zuckergehalts und Werbebeschränkungen.

So schadet Zucker den Zähnen

Bei der Kariesentstehung spielt es übrigens keine Rolle, ob Lebensmittel von Natur aus süß sind, oder ob der Zucker zugesetzt wurde. Alle kurzkettingen Kohlenhydrate – sei es in Form von Haushaltszucker, Honig, Fruchtzucker aber auch Stärke als langkettiges Kohlenhydrat – können durch die Bakterien im Zahnbelag zu Säuren verdaut werden. Diese lösen Mineralien aus dem Zahnschmelz heraus, sodass dieser porös wird und Karies entstehen kann. Der Prozess der Entkalkung (Demineralisierung) kann in einem Anfangsstadium aber auch umgekehrt werden, wenn die Säuren erst neutralisiert sind. Der Zahnschmelz nimmt dann wieder Mineralien aus dem Speichel auf und wird härter. Insbesondere die Frequenz des Zuckerkonsums ist daher neben der Ernährung, Zahnpflege und der Remineralisierung des Zahnschmelzes durch Fluoride entscheidend für die Kariesvermeidung.

Quellen: